Digitale Bildkorrelation · Digital Image Correlation · DIC
2D-, 3D- und Mehrkamera-Messung für Material- und Bauteilprüfung

Technische Fachinformation

Digitale Bildkorrelation (DIC): Grundlagen, Funktionsprinzip und Mehrkamera-Messtechnik

Die Digitale Bildkorrelation, international als Digital Image Correlation (DIC) bezeichnet, ist ein optisches Messverfahren zur berührungslosen und flächenhaften Bestimmung von Verschiebungen, Dehnungen und dreidimensionalen Verformungen.

DIC wird eingesetzt, wenn lokale Verformungen nicht nur an einzelnen Sensorpositionen, sondern über eine vollständige sichtbare Bauteiloberfläche untersucht werden sollen. Die Methode reicht von einer einzelnen Kamera für ebene 2D-Messungen über Stereo-DIC mit zwei Kameras bis zu Mehrkamera-Systemen für große, komplexe oder rundum zu erfassende Bauteile.

Was ist Digitale Bildkorrelation?

Bei der Digitalen Bildkorrelation wird die Oberfläche eines Prüfkörpers mit einer oder mehreren digitalen Kameras aufgenommen. Die Oberfläche besitzt ein natürliches oder künstlich aufgebrachtes zufälliges Grauwertmuster. Dieses Muster wird in kleinen Bildbereichen, den sogenannten Facetten oder Subsets, mathematisch ausgewertet.

Die Software sucht dieselbe lokale Grauwertstruktur in nachfolgenden Bildern wieder. Dadurch kann die Bewegung jeder Facette gegenüber einem Referenzzustand subpixelgenau bestimmt werden. Aus den Bewegungen vieler Facetten entsteht ein flächenhaftes Verschiebungsfeld.

Bei geeigneter Auswertung können daraus lokale Dehnungen, Hauptdehnungen, Richtungen, 3D-Koordinaten und weitere abgeleitete Messgrößen bestimmt werden. DIC ist deshalb nicht nur eine Bildanalyse, sondern ein quantitatives optisches Messverfahren.

Funktionsprinzip: vom Kamerabild zum Dehnungsfeld

Der wesentliche Rechenschritt besteht darin, dieselbe lokale Oberflächenstruktur in unterschiedlichen Aufnahmen zu identifizieren. Dazu wird das Bild in kleine Nachbarschaften unterteilt. Diese Facetten enthalten jeweils ein charakteristisches Grauwertmuster.

Referenzbild → Facettenerkennung → Bildkorrelation → Verschiebung → 3D-Rekonstruktion → Dehnung

Die Korrelation liefert zunächst Verschiebungen im Bild. Durch Subpixelinterpolation kann eine Positionsauflösung erreicht werden, die deutlich kleiner als ein Kamerapixel ist. Bei einem Stereo- oder Mehrkamera-System werden korrespondierende Bildpunkte zusätzlich zwischen den Kameras zugeordnet und über die Kamerageometrie räumlich rekonstruiert.

Prinzipskizze zur Digitalen Bildkorrelation mit 1 Kamera, 2 Kameras, 3 Kameras, 4 Kameras und Mehrkamera-Cluster bis 16 Kameras
Grundprinzip der Digitalen Bildkorrelation und typische Kamerakonfigurationen von 2D DIC bis zum Mehrkamera-Cluster.

Specklemuster, Facetten und Grauwertkorrelation

Specklemuster

Das stochastische Muster muss lokal eindeutig und kontrastreich sein. Bei vielen Anwendungen wird zunächst ein heller Grund aufgebracht und anschließend mit zufällig verteilten dunklen Punkten versehen.

Facetten / Subsets

Eine Facette enthält mehrere Pixel und damit eine individuelle Grauwertsignatur. Je kleiner die Facette, desto höher kann die räumliche Auflösung sein; gleichzeitig sinkt jedoch die zur Korrelation verfügbare Bildinformation.

Subpixel-Auswertung

Moderne Korrelationsalgorithmen bestimmen die Lageänderung nicht nur auf ganze Pixel genau. Interpolations- und Optimierungsverfahren ermöglichen wesentlich feinere Verschiebungsbestimmungen.

Praxisregel: Ein feineres Specklemuster oder kleinere Facetten verbessern nicht automatisch die Messqualität. Mustergröße, Kamerauflösung, Messfeld und Auswerteparameter müssen zueinander passen.

Eine Kamera

2D DIC: Dehnung und Verschiebung in einer Ebene

Bei 2D DIC beobachtet eine einzelne Kamera eine annähernd ebene Oberfläche. Die Auswertung bestimmt Verschiebungen innerhalb der Bildebene. Voraussetzung ist, dass relevante Bewegungen aus der Ebene heraus vermieden oder vernachlässigt werden können.

Geeignet für

  • ebene Zug- und Druckproben
  • kleine Messfelder mit hoher Bildauflösung
  • in-plane Verformung
  • einfache und kompakte Versuchsaufbauten

Zu beachten

  • Bewegungen in z-Richtung erzeugen perspektivische Fehler
  • stark gekrümmte Oberflächen sind problematisch
  • Rotationen des Prüfkörpers können als scheinbare Dehnung wirken

Zwei Kameras

3D DIC / Stereo-DIC: räumliche Verformungsmessung

Bei 3D DIC beobachten zwei synchronisierte und kalibrierte Kameras dieselbe Oberfläche aus unterschiedlichen Blickrichtungen. Das Prinzip entspricht der Stereophotogrammetrie: Ein Oberflächenpunkt erscheint in beiden Kamerabildern an unterschiedlichen Bildkoordinaten. Aus dieser Geometrie kann seine Position im Raum trianguliert werden.

Zusätzlich zur zeitlichen Korrelation zwischen Referenz- und Belastungszustand erfolgt eine Stereokorrelation zwischen linker und rechter Kamera. Damit entstehen für jeden Verformungszustand 3D-Koordinaten. Aus deren zeitlicher Änderung folgen 3D-Verschiebung und Oberflächendehnung.

3D-Geometrie

Die tatsächliche Oberflächenform wird rekonstruiert und nicht nur als ebenes Kamerabild behandelt.

Out-of-plane Bewegung

Auslenkungen senkrecht zur ursprünglichen Oberfläche werden quantitativ gemessen.

Reale Bauteile

Gekrümmte, gebeulte oder frei verformte Oberflächen können direkt ausgewertet werden.

Mehrkamera-DIC: 3, 4, 8 und bis zu 16 Kameras

Zwei Kameras bilden das klassische Stereo-DIC-System. Zusätzliche Kameras erweitern die Möglichkeiten deutlich. Sie liefern weitere Sichtlinien, vergrößern die Oberflächenabdeckung und können die Robustheit und Genauigkeit der räumlichen Rekonstruktion erhöhen.

3 Kameras: Triple-DIC

Eine dritte Kamera liefert zusätzliche Bildinformation. Dadurch kann das gemeinsame Sichtfeld erweitert werden, und Bereiche, die aus einer Kameraposition ungünstig oder teilweise abgeschattet sind, können aus einer weiteren Perspektive erfasst werden.

Bei geeigneter Geometrie entsteht redundante 3D-Information. Das kann die Messrobustheit und die erreichbare Genauigkeit verbessern.

4 Kameras: Vorder- und Rückseite

Eine typische Anwendung von vier Kameras ist die simultane Messung beider Seiten einer Probe: zwei Kameras bilden ein Stereosystem für die Vorderseite, zwei weitere ein Stereosystem für die Rückseite.

Werden beide Oberflächen in einem gemeinsamen Koordinatensystem ausgewertet, lassen sich neben der Oberflächendehnung auch Biegung und Dickenänderung bzw. Dehnung in Dickenrichtung bestimmen.

8 Kameras: Rundum-Messung

Bei zylindrischen oder stark gekrümmten Proben können mehrere Kamerapaare um das Objekt angeordnet werden. Auf diese Weise wird die sonst nur begrenzt sichtbare Oberfläche nahezu oder vollständig rundum erfasst.

Bis zu 16 Kameras: Clusteransatz

Bei komplexen Bauteilen können bis zu 16 Kameras zu einem gemeinsamen Messcluster kombiniert werden. Alle Kameras werden in ein gemeinsames Koordinatensystem kalibriert.

Bei überlappenden Sichtfeldern kann die Auswertung kameraübergreifend erfolgen; im Clusteransatz können die relevanten Kamerapaare miteinander korreliert werden. Dadurch entsteht ein zusammenhängendes 3D-Messergebnis auch für komplexe Geometrien mit vielen Sichtseiten.

Mehr Kameras bedeuten nicht automatisch eine proportionale Steigerung der Genauigkeit. Entscheidend sind Kamerageometrie, Kalibrierung, Überlappung, Bildqualität und die tatsächlich nutzbaren Sichtlinien. Der wesentliche Mehrwert liegt in Redundanz, Abdeckung und der Möglichkeit, komplexe Geometrien in einem gemeinsamen Koordinatensystem zu erfassen.

Kamerakalibrierung und gemeinsames Koordinatensystem

Bei 3D DIC ist die Kamerakalibrierung ein zentraler Bestandteil der Messkette. Die Software muss sowohl die inneren Parameter der Kameras als auch deren Lage zueinander kennen.

Innere Kameraparameter

Dazu gehören Brennweite, Hauptpunkt und Objektivverzeichnung. Diese Parameter beschreiben, wie dreidimensionale Strukturen auf den Sensor abgebildet werden.

Äußere Kameraparameter

Position und Orientierung jeder Kamera definieren die Stereogeometrie und damit die räumliche Triangulation.

Bei Mehrkamera-Systemen müssen alle Kameras konsistent in dasselbe Koordinatensystem eingebunden werden. Nur dann lassen sich Teilmessfelder und unterschiedliche Blickrichtungen zu einer gemeinsamen 3D-Ergebnisdarstellung zusammenführen.

Wie wird aus Verschiebung eine Dehnung?

Verschiebung beschreibt die Positionsänderung eines Oberflächenpunktes. Dehnung dagegen beschreibt die lokale Form- bzw. Längenänderung. Sie entsteht daher aus der räumlichen Änderung des Verschiebungsfeldes beziehungsweise aus der lokalen Deformation der ausgewerteten Oberflächenbereiche.

In Bereichen mit starken Gradienten – beispielsweise an Kerben, Rissspitzen, Fügestellen oder lokalen Einschnürungen – ist die räumliche Dehnungsauflösung besonders wichtig.

Genauigkeit, Ortsauflösung und Messrauschen

Bei DIC sollte zwischen Bildauflösung, räumlicher Messauflösung, Verschiebungsauflösung und Messgenauigkeit unterschieden werden. Diese Begriffe beschreiben unterschiedliche Eigenschaften der Messung.

Einflussgröße Wirkung Praktische Konsequenz
Kameraauflösung Bestimmt die Anzahl verfügbarer Bildpunkte im Messfeld. Mehr Pixel können bei gleichem Messfeld die lokale Abbildung verbessern.
Messfeldgröße Bestimmt den physikalischen Maßstab pro Pixel. Kleineres Messfeld bedeutet bei gleicher Kamera mehr Pixel pro Millimeter.
Speckle Pattern Bestimmt die lokale Eindeutigkeit des Grauwertsignals. Ungeeignete Punktgrößen oder geringer Kontrast verschlechtern die Korrelation.
Facettengröße Beeinflusst Ortsauflösung, Robustheit und Rauschen. Kleine Facetten erhöhen Ortsauflösung, enthalten aber weniger Bildinformation.
Stereo-Winkel Beeinflusst die Empfindlichkeit der Tiefenrekonstruktion. Zu kleine oder zu große Winkel können ungünstig sein.
Kalibrierung Bestimmt die geometrische Richtigkeit der 3D-Rekonstruktion. Kalibrierfehler wirken systematisch auf Koordinaten und Verformung.
Beleuchtung und Belichtungszeit Beeinflussen Kontrast, Rauschen und Bewegungsunschärfe. Kurze Belichtung ist bei schnellen Vorgängen oft wichtiger als maximale Helligkeit.
Kamerastabilität Ungewollte Kamerabewegung wirkt wie Objektbewegung. Starre Befestigung und thermische Stabilität sind für hochgenaue Messungen wichtig.
Eine höhere räumliche Auflösung führt nicht automatisch zu einer niedrigeren Messunsicherheit. Bei sehr lokalen Dehnungsauswertungen steigt typischerweise das Rauschen. Die Parameter sollten deshalb passend zur technischen Fragestellung ausgewählt werden.

Statische, dynamische und Hochgeschwindigkeits-DIC

Das mathematische DIC-Prinzip ist weitgehend unabhängig von der Aufnahmegeschwindigkeit. Die Dynamik des Versuches bestimmt jedoch, welche Kameratechnik erforderlich ist.

Quasistatische Messung

Zugversuche, langsame Belastungsversuche, Kriechen, Temperaturzyklen und Langzeitbeobachtung.

Dynamische Messung

Schwingungen, schnelle Prüfmaschinen, Fallversuche und mechanische Ereignisse mit höheren Bildraten.

High-Speed DIC

Crash, Impact, Split-Hopkinson-Bar, Bruchvorgänge oder hochdynamische Verformung mit Hochgeschwindigkeitskameras.

Typischer Ablauf einer DIC-Messung

Messaufgabe

Messfeld, Dehnungsbereich, Dynamik und erforderliche Ortsauflösung festlegen.

Oberfläche

Natürliches Muster prüfen oder geeignetes Speckle Pattern aufbringen.

Kameras & Kalibrierung

Optik, Kameraposition, Beleuchtung und Kalibrierung auf die Geometrie abstimmen.

Bildaufnahme

Referenzzustand und Belastungssequenz synchron und mit geeigneter Belichtungszeit erfassen.

Auswertung

Facetten korrelieren, 3D rekonstruieren, Dehnung berechnen und Ergebnisse validieren.

Anwendungen der Digital Image Correlation

Materialprüfung

Zug-, Druck-, Biege-, Ermüdungs- und Zeitstandversuche sowie lokale Dehnungsanalyse.

Bauteilprüfung

Verformung, Beulen, Knicken, lokale Konzentrationen, Rissinitiierung und Versagensanalyse.

FEM-Validierung

Direkter Vergleich gemessener und berechneter Verschiebungs- und Dehnungsfelder.

Leichtbau & Composites

Lokale Deformationen, Delamination, Schädigung, Sandwichstrukturen und anisotrope Werkstoffe.

Umformtechnik

Messung großer Dehnungen, Formänderungsverteilungen und lokaler Einschnürung.

Schwingung & Dynamik

Modalformen, Schwingungsfelder, Crash-, Stoß- und Impact-Untersuchungen.

DIC im Vergleich zu punktuellen Dehnungssensoren

Eigenschaft Digitale Bildkorrelation Punktueller Sensor / DMS
Messinformation flächenhaft, viele Messpunkte gleichzeitig lokal an definierter Sensorposition
Kontakt zum Bauteil berührungslos Sensor muss aufgebracht oder angekoppelt werden
Unbekannte kritische Stelle kann nachträglich im erfassten Messfeld ausgewertet werden Sensorposition muss vor dem Versuch festgelegt werden
3D-Geometrie mit Stereo-DIC direkt messbar nicht aus einem einzelnen Dehnungssensor
Messaufwand Kameraaufbau, Kalibrierung, Oberflächenmuster Sensorapplikation, Verkabelung, Signalaufbereitung

Beide Verfahren haben ihre Berechtigung. DIC ist besonders stark, wenn die räumliche Verteilung einer Verformung entscheidend ist oder die kritische Stelle vor dem Versuch nicht exakt bekannt ist.

Praxisumsetzung

DIC-Systeme für die praktische Anwendung

Für industrielle und wissenschaftliche DIC-Messungen stehen modulare Systeme mit unterschiedlichen Kameraauflösungen, Bildraten und Kamerakonfigurationen zur Verfügung. Ein Beispiel ist das Q400 DIC-System von LIMESS, das von 2D DIC mit einer Kamera über Stereo-DIC bis zu Mehrkamera-Konfigurationen eingesetzt werden kann.

Technische Details zu Systemvarianten, Kamerakonfigurationen und Softwarefunktionen finden Sie auf der LIMESS-Produktseite.

Häufige Fragen zur Digitalen Bildkorrelation

Was bedeutet DIC?

DIC steht für Digital Image Correlation. Im Deutschen werden die Begriffe Digitale Bildkorrelation, Bildkorrelation und Grauwertkorrelation verwendet.

Wie viele Kameras benötigt man für DIC?

Eine Kamera reicht für 2D DIC an annähernd ebenen Objekten. Zwei Kameras ermöglichen 3D Stereo-DIC. Mehr Kameras werden für größere Sichtfelder, höhere Redundanz, doppelseitige Messung oder komplexe Rundum-Geometrien eingesetzt.

Warum braucht DIC ein Specklemuster?

Die Auswertung benötigt lokal eindeutige Grauwertstrukturen. Ein zufälliges Specklemuster stellt sicher, dass die Facetten in den nachfolgenden Bildern eindeutig wiedergefunden werden können.

Kann DIC auch sehr kleine Dehnungen messen?

Ja. Die erreichbare Dehnungsauflösung hängt unter anderem von Messfeld, Kameraauflösung, Bildqualität, Facettengröße, Kalibrierung und gewählter Auswertemethode ab.

Kann DIC große Dehnungen messen?

Ja. DIC eignet sich auch für sehr große Formänderungen, sofern das Specklemuster sichtbar und korrelierbar bleibt und der relevante Bereich im Kamerasichtfeld bleibt.